Die Morde von Hanau

Schnelle Urteile

Die Toten sind noch nicht begraben, da läuft schon eine beispiellose politische Kampagne an, die eher an die Türkei unter Erdogan als an eine gewachsene Demokratie denken lässt.

Der Generalbundesanwalt Peter Frank sprach im TV dermaßen langsam und betont, als habe er es ständig mit Leuten von ausgesprochener Begriffsstutzigkeit zu tun, als er erklärt, dass die Gedanken des „mutmaßlichen“ (seine Formulierung) Täters von Hanau neben „wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung“ aufzeigten.

Der Generalbundesanwalt hätte das übrigens längst wissen müssen, denn der „mutmaßliche“ Killer hatte Peter Frank bereits im November ein vielseitiges Manuskript zugestellt, das im Wesentlichen aus seinem auf Youtube veröffentlichten Gedankensalat bestand. Aber der Bundesanwalt hatte da nur Augen für eine Gruppe, die sich „im Internet gefunden“ hatte und „kranke Fantasien“ (Bild) teilte, und die, wie Peter Frank ihnen vorwirft, „Deutschland in bürgerkriegsähnliche Zustände“ stürzen wollte.

„Mit automatischen Waffen und Sprengsätzen wollten die Männer in Moscheen eindringen und möglichst viele Muslime töten“, berichtete die Presse. Gefunden wurde bei den Umstürzlern „eine schussbereite 9-Millimeter-Pistole“, eine Armbrust, Äxte, Morgensterne und zahlreiche Messer.

Auch die Bande selbst stand kaum für umstürzlerischen Esprit. Da ist der „Mittelalter-Fan“ Thorsten aus Hamm, dann hat einer der Rebellen mal im Shop der „als rechts geltenden“ Rockband Freiwild eingekauft (T-Shirts?). Ein anderer kommentierte 2014 auf der Facebook-Seite eines ehemaligen NPD-Chefs.

Wenigstens der „mutmaßliche“ Chef gab mehr her für die Ermittler um den Generalbundesanwalt Peter Frank: Werner S. aus Mickhausen in Bayern hatte sich 2017 bei der AfD gemeldet und Interesse an einer Mitgliedschaft geäußert – da haben sich die Zugriffe doch gelohnt. Der Generalbundesanwalt wurde als Held gefeiert, alle Parteien nahmen die AfD in Sippenhaft.

Der spätere Mörder von Hanau, Tobias R., hingegen wurde nicht weiter beachtet. Bis gestern, als er ein Blutbad anrichtete (der Mörder erschoss nach derzeitigem Kenntnisstand 9 Fremde, seine Mutter und sich selbst). An den Morden trägt natürlich die AfD mindestens eine Mitverantwortung, urteilten sofort der FDP-Innenexperte Konstantin Kuhle, der Grünen-Politiker Konstantin von Notz, der CDU-Kanzlerkandidat Norbert Röttgen, die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer... und alle anderen, die gefragt wurden, sangen gerne im gleichen Chor mit. Der Grüne Cem Özdemir will „über rechtsradikalen Terror reden und dann bitte auch darüber, dass an der Spitze des Verfassungsschutzes über Jahre ein Hans-Georg Maaßen saß“.

Über den Vater des Mörders von Hanau will Cem nicht reden, dabei stand der „vor ein paar Jahren als Kandidat auf der Liste der Grünen“. Der Mörder verfügte übrigens über eine Waffenbesitzkarte. Die Kreisverwaltung des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen hatte zuletzt vor einem Jahr seine charakterliche Eignung zum Führen von Waffen überprüft. In einem grün regierten Regierungsbezirk. Da sieht man mal, wie schnell man Schlüsse ziehen kann.

Tobias R. war weder als fremdenfeindlich bekannt, noch ist er polizeilich in Erscheinung getreten. Er machte eine Ausbildung bei einer Bank, studierte dann Business Management in Bayreuth. All die Versuche, R. in die Ecke rechter Netzwerke zu schieben, sind linke Verschwörungstheorien. Wie es bislang aussieht, war der Mann schlichtweg verrückt. Er fühlte sich von gedankenmanipulierenden Geheimdiensten verfolgt, und wandte sich in passablem Englisch sogar direkt an die englischsprachige Welt. Die USA seien unterwandert, außerdem habe er, R., den Trump-Slogan „America First“ erfunden und den Erfolg des Fußballtrainers Klopp vorhergesagt. Einen „Jagdschein“ hätte R. bekommen sollen, stattdessen wurde sein "Waffenschein" verlängert. Eine wirklich plausible und umfassende Analyse des Mörders finden Sie hier.

Nun schlägt die Stunde der Instrumentalisierer. Der Staatsfunk dreht mächtig auf, der Genosse Präsident ist nach Hanau angereist, auch Dr. Angela Merkel will sich nicht wieder so viel Zeit lassen wie nach dem Attentat vom Berliner Breitscheidplatz, und lässt alles stehen und liegen. Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sagen ihren geplanten Karnevalsbesuch in Köln ab und das SPD-regierte München storniert gleich den ganzen Fasching.

 

 

13 comments

  1. Tobi K. 20 Februar, 2020 at 21:17 Antworten

    Als ich heute früh nach dem Aufstehen von den Morden hörte und erste Stimmen etwas von einem rechtem Anschlag säuselten, wusste ich, was in wenigen Stunden für eine Lawine losrollen würde. Und ich wurde nicht enttäuscht. Das war wie das Umlegen eines Schalters, der die geballte Instrumentalisierung in Gang setzte und wieder Stimmen zutage förderte, die an Heuchelei und Verleumndung nicht zu überbieten waren. Und die Opfer spielten schnell keine wesentliche Rolle mehr. Man verlief sich ganz schnell von einem rechtsextremen Anschlag hin zur AfD als Ursache. Und dort beißt man sich jetzt fest. …

  2. Rike Schmidt 20 Februar, 2020 at 21:31 Antworten

    Man könnte direkt auf die Idee kommen, dass die genannten Politiker und die mit ihnen paktierenden Medien durch die umgehende Instrumentaliserung solcher schrecklichen Amokläufe ganz bewusst und vorsätzlich eine Pogromstimmung “gegen rechts” (sprich: AfD) schüren wollen (“Mitverantwortung”). Ich finde das unverantwortlich und saugefährlich! Statt reflexartiger Schuldzuweisungen erwarte ich von verantwortungsbewussten Politikern, dass sie die Ruhe bewahren, sich irgendwelcher politischen Schuldzuweisungen enthalten und sich einer gemäßigten Sprache bedienen. Mit anderen Worten: Ich erwarte von verantworungsbewussten Politikern, dass sie DE-eskalieren, statt immer wieder Öl ins Feuer zu gießen. Wenn demnächst ein AfD-Abgeordneter oder AfD-Mitglied ermordet oder schwer verletzt wird, wem schiebt man dann eine Mitschuld zu? Ich weiß jetzt schon, wem: der AfD.

    • Jörg Plath 21 Februar, 2020 at 07:01 Antworten

      Das ist Sinn der Übung. In ihrem Hass wollen sie endlich jegliche rechte Opposition verbieten. Ist es nicht psychologisch erklärbar, dass eine immer rigidere “Willkommens-Politik” zu solchen Taten beiträgt, Leute schlicht “irre” darüber werden? Insofern kalkuliert links genau das mit ein.

      • Irmgard Heller 21 Februar, 2020 at 18:18 Antworten

        Mir scheint eher, der Hass schlägt in Panik um. Immerhin stehen hier beträchtliche Pfründe auf dem Spiel, sowohl bei den Politikern samt deren aus Steuer- und Gebührentöpfen versorgtem Anhang. Anders kann ich mir dieses Wildumsichschlagen nicht mehr erklären.

  3. Radbruchsche Formel 20 Februar, 2020 at 22:03 Antworten

    Was uns da gestern in Hanau WIRKLICH aufgetafelt wurde, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Schlimmstenfalls werden die Akten für 120 Jahre weggesperrt. Was mir wirklich Angst macht, ist, daß das möglicherweise die Preluminarien für weit mehr sind. Hat sich unser aller Majestät nicht erst kürzlich über eine bevorstehende “große Transformation” geäußert?

  4. Thomas H. vom See 20 Februar, 2020 at 22:09 Antworten

    Sehr geehrter Herr Paetow,

    seit gewisser Zeit verfolge ich Ihre Kolumnen bei TE und bin immer begeistert! Die Blackbox ist der Kracher am Sonntagvormittag.

    Heute möchte ich Ihnen inständig danken, daß sie ein hervorragendes Internet-Portal mit einem Link würdigen https://sciencefiles.org/2020/02/20/tobias-rathjen-das-hanau-manifest-eines-paranoiden-psychopathen/.

    Sie sind damit einer der ganz Großen! Eine Spende ist Ihnen sicher, bisher habe ich nur Herrn Tichy mit seiner Publikation bedacht…

    Machen Sie bitte weiter so…

    Mit freundlichen Grüßen vom Bodensee….

  5. Dobbi 21 Februar, 2020 at 02:02 Antworten

    Ich schließe mich Hr. T vom See an. Der Artikel bei Sciencefiles ist erhellend. Danke.
    Der Mann war ja weit mehr als 20 Jahre aktiv in seinem dokumentierten Wahnerleben; entsprechende Behörden (Polizei, Bundesstaatsanwaltschaft 2019 ) bekamen seine Gedanken zugeschickt-und er war offensichtlich leicht manipulierbar….

    Jetzt werd ich auch paranoid- nee, ist spät, schlafe drüber-besser is. Also danke für Nüchternheit.

  6. Paula 21 Februar, 2020 at 09:06 Antworten

    Der verwirrte, irre Täter, der jetzt sogar offiziell Mörder genannt wird, hat auch seine Mutter, eine Deutsche getötet. Wie passt das ins Bild vom rechtsradikalen Rassisten?
    Die gerne benutzte Bezeichnung “Einzeltäter”, als Relativierung, wird hier weg gelassen.
    Dass ausgerechnet ein Grüner nun Maaßen in diesem Zusammenhang erwähnt, ist wohl keine Hetze? Wie hoch wollen denn Politiker und Leitmedien nun die Brandmauer gegen die AfD (und deren Wähler) in allen 16 Bundesländern bauen?
    Merken Politiker und Leitmedien gar nicht, dass sie es sind, die damit unsere Gesellschaft weiter spalten? Da betrauern sie die Opfer und zeitgleich produzieren sie erneut Feindbilder. Drehen seit Thüringen alle durch?

  7. Frank Danton 21 Februar, 2020 at 09:23 Antworten

    Ich subsummiere die Geschehnisse in Hanau als Amoklauf. Und da Hanau in Deutschland liegt werden aus diesem Amoklauf medial viele kleine Amokläufe. Denn Deutschland hat das politische und journalistische Potential das Verrücktsein solcher wirren Täter mit noch mehr Verrücktheit in Szene zu setzen.

  8. Max Media 21 Februar, 2020 at 14:56 Antworten

    “[…] Dr. Angela Merkel will sich nicht wieder so viel Zeit lassen wie nach dem Attentat vom Berliner Breitscheidplatz, und lässt alles stehen und liegen.”

    Man muss sagen, das Schlimmste nach der eigentlichen Tat in Hanau,
    war die merkelsche Pressemitteilung vor laufender Kamera, die eine Kondolenz und
    Anteilnahme darstellen sollte.
    Das muss man gesehen haben, diesen Auftritt gestern vor TV Kameras.
    Nicht EIN Wort war frei, alles abgelesen. Die Frau ist nicht einmal in der Lage frei zu reden
    und dabei einen Inhalt zu transportieren der sagen würde:
    “Es tut mir leid um die Opfer und deren Angehörigern” etc.

    Ein schlecht vorgelesener, vorgefertigter Pressebeitrag, bei dem jedem klar wird,
    das diese Frau null Empathie besitzt. Kühl und durchdrungen bis ins Mark.
    Das Schlimmste was mir seit Monaten live vor Augen geführt wurde. Dagegen war
    Ramelows Auftritt bei Maischberger noch in der Kategorie oskarverdächtig.
    Und der Auftritt war schon bemerkenswert unterirdisch.

  9. Manni Becker 21 Februar, 2020 at 17:51 Antworten

    Die Morde von Hanau…. sind für mich ein zwingender Grund, ca. eine Woche lang auf Medienkonsum jeglicher Art (Fernsehen, Videotext, Radio, Zeitungen) mit Ausnahme der alternativen Medien zu verzichten. Man weiß ja mittlerweile ganz genau, was in den nächsten Tagen alles an Hass & Hetze seitens Politik & Medien über uns hereinprasseln wird. Und das tue ich mir nicht mehr an. Ich hoffe, dass danach das Schlimmste überstanden ist und eine wenig Ruhe und Vernunft eingekehrt ist. Das Ziel der Instrumentaliserung dieser schlimmen Tat dürfte wohl jedem klar sein: Verbot der AfD, weitestgehende Zensur des Internets sowie die Beseitigung und Unterdrückung von allem, was den Blockparteien im Weg steht. Man nennt es auch “Säuberung”.

  10. Ein Jünger 21 Februar, 2020 at 20:32 Antworten

    Herr Paetow, wäre es Ihnen möglich, mal völlig wertneutral das Verhalten Dr. Steinmeiers, Dr. Merkels und der Minister nach Breitscheidplatz und Hanau zu vergleichen? Oder müsste ich dann fürchten, dass Sie ähnlich Tichy und Broder für vogelfrei erklärt werden? Dann selbstverständlich nicht, denn dafür schätze ich Sie zu sehr.

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