Wie hältst Du’s mit dem Putin?

Maischberger oder die Frage:

Bei Maischberger geben Sigmar Gabriel und Friedrich Merz nicht wirklich Antworten auf wichtige Fragen. Na gut, solche werden ihnen auch nicht gestellt. Gabriel doziert ein wenig von der veränderten Nachkriegsordnung, wirft noch gewichtig China in die Debatte; Merz gesteht, wir seien alle zu naiv gewesen.

Das war nun also das Beste, was SPD und Union an außenpolitischer Expertise zu bieten haben, quasi unsere Crème de la Crème der Weltpolitik: Privatdozent Sigmar Gabriel von der SPD und Rechtsanwalt Friedrich Merz von der Union. Also ihn habe die Entwicklung nicht überrascht, so Gabriel, schließlich wolle Putin ein zaristisches Russland als europäische Großmacht, und auch Merz kann klare Muster erkennen: Der Putin will altes Sowjet-Territorium zurückholen, auch die baltischen Staaten. Nach sieben Minuten können wir zum ersten Mal „Bingo!“ rufen, der zwangsläufige Adolf-Vergleich kommt auf den Tisch: Merz sagt nur „1938. Sudetenland“. Fünf Minuten später zweites „Bingo!“, als Siggi endlich anbringt, es habe ihn „überrascht, wie sehr die russische Propaganda bei uns wirkt“.

Apropos, wie die Propaganda wirkt. Hier tut ein kleiner Einschub Not, denn dem Autor ist wohl bewusst, dass auch durch die ganze Gesellschaft ein Riss geht, was nun von diesem Putin zu halten ist. Menschlich, politisch, intellektuell und überhaupt. Umfragen machen das mehr als deutlich: Die eine Hälfte sagt so, die andere so. Was übrigens beweist, wie schlecht die Propaganda in diesem unseren Lande gemacht ist, trotz Milliardeneinsatz mit unzähligen TV-Sendern.

Auch Gabriel und Merz, unsere zwei von der Atlantikbrücke, geben nicht wirklich Antworten auf wichtige Fragen, na gut, solche werden ihnen auch nicht gestellt. Gabriel doziert ein wenig von der veränderten Nachkriegsordnung, wirft noch gewichtig China in die Debatte; Merz gesteht, wir seien alle zu naiv gewesen, dabei schaut er immer wieder beifallsheischend zum Privatdozenten herüber. Beide sind der Meinung, der amerikanische Präsident handele im europäischen Interesse (weiß der das?), die EU aber müsse trotzdem noch verhandlungsfähiger werden. Beide freuen sich, dass die transatlantische Stimmung lange nicht so partnerschaftlich gewesen sei wie bei der Münchner Sicherheitssause.

Über Saskia „Antifa“ Eskens übermütigen Tweet von Olaf Scholzens „beeindruckender Friedenspolitik“ („Well done“, twitterte sie weltfrauisch, damit‘s auch der Joe versteht) gehen die Zwei lächelnd hinweg, und Merz sagt nur: Das war so daneben wie der Tweet vom Trump (drittes „Bingo!“). Privatdozent Gabriel nimmt dann noch kurz die Ukraine-Entwicklung und die angeblichen Nato-Versprechen an Putin durch („gab‘s nicht!“), als Maischberger, forsch wie sie manchmal doch ist, das Urgestein Hans-Dietrich Genscher einspielte, der klar und deutlich eine Nato-Erweiterung ausschloss.

Gabriel flüchtete sich in Spitzfindigkeiten – die haben keinen Vertrag, außerdem habe die Nato nur keine Truppenansammlungen versprochen, und die gebe es nicht – und bemühte schließlich das Völkerrecht. Rechtzeitig assistierte Merz mit der Bemerkung, Helmut Kohl „hätte niemals akzeptiert, was Genscher da zugesagt hat“, und weil der Zuseher davon ausgehen musste, dass Merz weiß, was Kohl so akzeptiert hätte, haben wir schnell nachgeblättert, was Kohl von Merz so hielt: Der sei ein „politisches Kleinkind“, hatte der Patron über seinen Friedrich geurteilt.

Wenigstens in einem Punkt kann jeder den beiden zustimmen: Unsere Bundeswehr ist ein Trümmerhaufen, abgewrackt zu gleichen Teilen von SPD- und Unionsministern. Ist vielleicht auch besser so. Erstklassige Kampftruppen in den Händen von Christine Lambrecht mag man sich gar nicht vorstellen.

Ist Hubert Seipel als Gast so durchgerutscht, oder wollte man es sich mit der anderen Hälfte der Zuschauer nicht ganz verderben? Seipel kann tatsächlich als Putin-Versteher im wahrsten Sinne des Wortes bezeichnet werden, er hat den Mann viele Male über einen langen Zeitraum persönlich getroffen und eine Biografie über ihn geschrieben, war also „näher dran“ als jeder andere in den letzten TV-Runden.

Sieben Jahre wurden nun „Minsk“ und „Minsk 2“ verhandelt, es wurde zugesagt, dass die Ukraine über eine Autonomie der jetzigen Sezessionsgebiete abstimmen lässt. Das ist nie geschehen, fasste Seipel trocken zusammen. Als dann noch eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine nicht ausgeschlossen wurde, begann Putin „seine Muskelspiele“ an der Grenze – „so ist das passiert“.

Also für Muskelspiele hat Kirsten Dunz von RND überhaupt kein Verständnis. Aber Seipel fuhr ungerührt fort: Die Nato ist seit dem Kalten Krieg von 12 auf 30 Staaten angewachsen, schon 2008 sei beschlossen worden, auch die Ukraine aufzunehmen, woraufhin Putin deutlich gemacht habe, dort liege die russische Schwarzmeerflotte, und weil das alles nun eh keine Rolle mehr spielt – die Krim wurde annektiert, die Schwarzmeerflotte liegt dort immer noch, oder wie Seipel sagte: Putin habe Fakten geschaffen, weil die Diplomatie versagt hat –, können wir diesen Teil nun auch beenden. Nicht ohne noch kurz Ljudmyla Melnyk zu erwähnen, die als Ukraine-Expertin vorgestellt war.

Genaues wusste sie nicht, nur, dass es im Westen der Ukraine nichts Neues gebe, außer der Propaganda, und die Leute im ganzen Land Sorgen haben wegen der Freunde und Verwandten.

Wüssten wir es nicht besser, wir hätten gedacht, auch ein Teil der Habeckschen Verwandtschaft lebe in Trümmern im Ostteil der Ukraine und habe gerade schlimme Nachrichten erhalten. Der Wirtschaftsminister sprach in dem Timbre und mit dem schwermütigen Gesichtsausdruck, die in der Bestatterbranche zur Dienstpflicht gehören, so dass Sandra Maischberger schon besorgt einbrachte: „Sie wirken wirklich angefasst.“

Ist es ein Wunder? Bei diesem „massiven Angriff auf Europa“? Der „tiefsten Zäsur der deutschen Politik, der transatlantischen Politik“, der Weltpolitik? Wir ertappten uns tatsächlich bei dem zynischen Gedanken: Hat er getrunken? Vielleicht weil wir aus dem fernen Britannien heute ganz andere Töne hörten. „Das Vereinigte Königreich hat schon früheren russischen Führern in den Allerwertesten getreten“, tönte dort Big Ben Wallace, Ihrer Majestät Verteidigungsminister vor seinen Truppen, die er wohl ein wenig aufmuntern wollte, „und das kann es jederzeit wieder tun.“ Dem ist jedenfalls nicht zu heiß in der Küche.

Gute Nacht.

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